Wie können Beschäftigte Pflegeverantwortung und Beruf besser vereinbaren? Dieser Frage widmeten wir uns beim Partnertag am 2. Juni 2026 bei der TIROLER Versicherung in Innsbruck. Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Praxis tauschten sich gemeinsam mit Partnerunternehmen über aktuelle Herausforderungen und konkrete Lösungsansätze aus.
Den inhaltlichen Auftakt der Veranstaltung gestaltete Michael Urschitz, diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Intensivpfleger und Gastdozent an der FH Krems. In seinem Impulsvortrag machte er deutlich, dass Pflegeverantwortung für viele Menschen Teil ihres Alltags ist, im beruflichen Umfeld jedoch häufig unsichtbar bleibt. Aus Sorge vor negativen Auswirkungen auf ihre berufliche Situation sprechen viele Betroffene nicht offen über ihre Herausforderungen.
Anhand aktueller Zahlen verdeutlichte Urschitz die gesellschaftliche Dimension des Themas: Rund 947.000 Menschen in Österreich übernehmen Pflegeaufgaben für Angehörige – wobei von einer erheblichen Dunkelziffer auszugehen ist. Gleichzeitig verändern die demografische Entwicklung, eine alternde Bevölkerung und der steigende Pflegebedarf die Rahmenbedingungen für Beschäftigte, Unternehmen und die Gesellschaft insgesamt.
Die gesellschaftliche Realität verändere zunehmend auch die Arbeitswelt. Daraus ergebe sich für Unternehmen nicht nur eine Herausforderung, sondern auch die Chance, den Wandel aktiv mitzugestalten. Pflegefreundliche Maßnahmen, flexible Arbeitsmodelle und temporäre Anpassungen der Arbeitsorganisation können dazu beitragen, Beschäftigte in belastenden Lebenssituationen zu unterstützen.
Besonders wichtig seien dabei sensibilisierte Führungskräfte, ein offenes Gesprächsklima und niederschwellige Unterstützungsangebote. Unternehmen seien gefordert, Rahmenbedingungen zu schaffen, die von Mitarbeitenden tatsächlich genutzt werden können und sowohl Entlastung als auch langfristige Bindung fördern.
Die anschließende Podiumsdiskussion brachte unterschiedliche Perspektiven aus Politik, Wirtschaft und Unternehmenspraxis zusammen. Familienministerin Claudia Bauer betonte, dass Pflege zunehmend in die Mitte der Gesellschaft rückt und künftig ähnlich selbstverständlich mitgedacht werden müsse wie Kinderbetreuung. Während familiäre Betreuungspflichten heute vielfach offen thematisiert werden, bleibe Pflegeverantwortung häufig unsichtbar. Umso wichtiger seien Sensibilisierung, konkrete Unterstützungsangebote sowie unbürokratische Lösungen für Betroffene.
Martina Entner, Vizepräsidentin der Wirtschaftskammer Tirol, hob die Rolle der Unternehmen als wichtigen Mosaikstein in der Gesellschaft hervor. Betriebe könnten wesentlich dazu beitragen, Beschäftigte in unterschiedlichen Lebensphasen zu entlasten – insbesondere durch Flexibilität, passende Arbeitsmodelle und eine Unternehmenskultur, die Verständnis und Offenheit fördert. Veranstaltungen wie der Partnertag leisten dabei einen wichtigen Beitrag, um das Thema sichtbar zu machen und den Austausch zu fördern.
Aus Sicht der Unternehmenspraxis berichtete Franz Mair, Vorstandsvorsitzender der TIROLER Versicherung, über die Bedeutung einer langfristig verankerten, mitarbeiterorientierten Unternehmenskultur. Der Mensch stehe im Mittelpunkt nachhaltigen Unternehmenserfolgs. Vereinbarkeit sei dabei kein Einzelprojekt, sondern Teil eines gesamtunternehmerischen Ansatzes. Entscheidend seien das klare Bekenntnis der Unternehmensleitung, engagierte Führungskräfte sowie leicht zugängliche Informations- und Unterstützungsangebote. Gerade Pflege könne Menschen unerwartet treffen und erfordere daher flexible und praxisnahe Lösungen.
Dagmar Reuter, Auditorin der Zertifizierung berufundfamilie, ergänzte die Diskussion mit ihren Erfahrungen aus der Begleitung von Unternehmen. Sie betonte die Bedeutung von Offenheit, Respekt und gegenseitigem Verständnis. Pflegeverantwortung müsse als Teil der Lebensrealität vieler Beschäftigter anerkannt werden. Dafür brauche es den Mut, darüber zu sprechen, sowie die Bereitschaft, unterschiedliche Bedürfnisse und Lebenssituationen ernst zu nehmen.
Im Austausch mit den Teilnehmenden wurde deutlich, dass erfolgreiche Vereinbarkeit von Pflege und Beruf sowohl strukturelle Maßnahmen als auch eine entsprechende Unternehmenskultur erfordert. Als wesentliche Erfolgsfaktoren wurden Flexibilität, Vertrauen, sensibilisierte Führungskräfte sowie niederschwellige Informations- und Unterstützungsangebote identifiziert.
Der Partnertag machte einmal mehr sichtbar, dass Pflege längst kein Randthema mehr ist. Unternehmen, Politik und Gesellschaft sind gleichermaßen gefordert, Rahmenbedingungen zu schaffen, die den veränderten Lebensrealitäten von Beschäftigten Rechnung tragen und eine nachhaltige Vereinbarkeit von Pflege und Beruf ermöglichen.
Passend zum Veranstaltungsthema steht seit März 2026 der neue Praxisleitfaden „Pflege und Beruf vereinbaren – Orientierung für Arbeitgeber, Unterstützung für Mitarbeitende“ zur Verfügung.
Bildnachweis: © Christopher Dunker/BKA; © Die Fotografen